Tagebucheintrag zum Thema „Tod und Sterben“

Tagebucheintrag zum Thema „Tod und Sterben“

Das Tagebuch eines 13-jährigen Mädchens mit Krebs im vierten Stadium

Zwischen Leben und Tod

Heute ist der 20.09.2026. Wieder einmal bin ich wie immer aus einem Albtraum über den Tod aufgewacht. So nah am Tod zu sein, überfordert mein Unterbewusstsein manchmal, glaube ich. Ich bin wieder früh aufgewacht. Durch das Fenster des Krankenzimmers hat sich die aufgehende Sonne gezeigt. Als würde sie mir das Licht hinter dieser Dunkelheit zeigen, versucht sie wieder, mich an das Leben glauben zu lassen. Ich bin froh, dass ich sie auch heute Morgen sehen konnte. Kurz danach kommt meine Mutter. Auch sie beginnt, mir Hoffnung zu geben. Ich konzentriere mich dagegen auf ihre Stimme, von der ich Angst habe, sie nie wieder hören zu können. Ihre sanfte, ruhige und friedliche Stimme…

Noch gestern habe ich aus meinem Zimmer einfach „ja, Mama“ gesagt und ihre Stimme kaum beachtet. Heute höre ich ihr ganz aufmerksam zu. Sie lächelt mich an. Auch heute ist ihr Glaube daran, dass ich wieder gesund werde, sehr stark. Auch wenn es mir manchmal schwerfällt, lächle ich sie trotzdem an. Denn ich möchte noch einen Moment haben, in dem ich lache.

Nach dem Essen schaue ich auf die Uhr an der Wand. Als würde ich mir wünschen, dass die Zeit stehen bleibt. Denn ich habe Angst. Früher wollte ich unbedingt erwachsen werden. Jetzt habe ich Angst, mit jeder vergangenen Minute dem Tod näher zu kommen.

Ich fange an, nach draußen zu schauen. Für einen kurzen Moment beneide ich die Menschen, die auf der Straße entlanggehen. Vielleicht merken sie es selbst nicht, aber sie wirken auf mich so glücklich und frei, egal, welche Sorgen sie haben. Manchmal denke ich, dass selbst der Wind in ihren Haaren für sie ein kleines Glück sein kann. Wenn ich zurückblicke, fühlt es sich an, als hätte ich mich früher darum bemüht, nicht glücklich zu sein.

Wenn meine Haare nicht so waren, wie ich sie haben wollte, wenn es meine Größe von einem Schuh nicht mehr gab, wenn mir irgendwo etwas Peinliches passiert ist, wenn ich eine schlechte Note bekommen habe oder wenn ich einfach sehr überfordert war – wie traurig ich darüber gewesen bin. Dabei hatte ich so viele Gründe, in diesem Moment glücklich zu sein. Um dankbar zu sein. Das merke ich jetzt. Das Leben ist viel zu kurz, um sich über so viele Dinge zu ärgern. Wie wichtig es doch ist, in jedem Moment, wirklich in jedem Moment etwas zu finden, das einen glücklich machen kann!

In diesem Moment klopft es an der Tür. Kurz danach kommt ein Blatt Papier unter der Tür durch. Mein Bruder kann wegen der sterilen Umgebung immer noch nicht ins Zimmer kommen. Er hat mir wieder ein Bild unter der Tür durchgeschoben. Als würde er immer genau wissen, wann ich ihn brauche. Wir haben immer gerne zusammen gezeichnet. Weil ich besser zeichnen konnte, mochte er seine eigenen Bilder nicht so sehr. Ich habe ihn aber immer unterstützt und ihm Mut gemacht. So wurde er mit der Zeit immer besser. Er sagt mir immer: „Als niemand meine Bilder mochte, hast du meine Bilder gemocht und mir gesagt, dass sie nicht perfekt sein müssen, um besonders und schön zu sein.“

In diesem Moment denke ich auch an die guten Dinge, die ich für andere getan habe. Vielleicht sind es nicht nur die Dinge, die ich bereue, an die ich mich am Ende erinnern werde. Vielleicht gibt es auch Dinge, auf die ich ein bisschen stolz sein kann.

Wie wertvoll es doch ist, das Leben eines anderen Menschen berührt zu haben! Wenigstens habe ich, liebes Tagebuch, auch Dinge getan, die ich nicht bereue. Ich zeichne sofort ein Bild für ihn. Und ja, egal was passiert, in diesem Moment spüre ich das Glück, einen anderen Menschen glücklich zu haben.

Und wieder füllen sich meine Augen mit Tränen. Ich glaube, ich vermisse meinen Bruder wieder. Es ist Abend geworden. Weil ich langsam müde werde und bald schlafen gehen möchte, denke ich über das Träumen nach. Träumen tut mir gut. Ich glaube, dass ein Kind, eigentlich jeder Mensch, nichts mehr braucht als die Möglichkeit, zu träumen. Aber leider ist genau das für Menschen, die dem Tod nahe sind, so schwer. Denn wie soll man von seiner Zukunft träumen, wenn sie sich immer wieder mit dem Tod überschneidet?

Aber ich versuche es trotzdem. Wenigstens lächle ich in meinen Träumen. Manchmal geben sie mir sogar Hoffnung, weißt du? Na ja, manchmal können sie mich natürlich auch enttäuschen. Jetzt ist es Zeit zu schlafen. Ich habe mir etwas Schönes vorgestellt, damit ich keinen Albtraum bekomme und meine Unterbewusstsein ein bisschen austricksen kann.

Hey, liebes Tagebuch, schließe deine Gesundheit, dass in deinem Leben mehr Glück als Reue zurück, lass kein „was wäre, wenn…?“ in deinem Herzen zurück. Ich weiß nicht, was morgen passieren wird, aber man kann nicht ohne Hoffnung leben. Auch wenn man manchmal müde wird, tut es einem immer gut, weiter zu glauben.

Heute war es wieder so. Pass gut auf dich auf. Bis morgen, liebes Tagebuch … ich hoffe bis morgen.

— von Hafsa Ergün (9. Klasse, PP bei Thomas Koch)

Thomas Koch

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