Jean-Paul Sartre – ein fiktives Interview

Jean-Paul Sartre – ein fiktives Interview

Im Rahmen des Philosophieunterrichts der Q1 hat Hannah Heußen ein fiktives Interview mit dem existentialistischen Philosophen Jean-Paul Sartre verfasst, in welchem seine Kernthesen sichtbar werden. Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 Ein fiktives Interview mit Jean-Paul Sartre

Interviewer: Guten Tag Herr Sartre, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.

 

Sartre: Guten Tag, vielen Dank für die Einladung.

 

Interviewer: In ihrem Vortrag „Der Existentialismus ist ein Humanismus“, den Sie im Jahre 1945 hielten, erläuterten Sie die Kernaussagen Ihrer Philosophie. Diese bezeichnen Sie als „atheistischen Existentialismus“. Doch wie genau definieren Sie diesen Ausdruck und inwiefern unterscheidet sich ihre Position vom christlichen Existentialismus?

 

Sartre: Der Existentialismus beruht generell auf der Annahme, dass die Existenz dem Wesen vorausgeht. Hierbei gleichen sich die beiden Untergruppen. Eine zentrale Unterscheidung geschieht dann jedoch durch verschiedenen Ansichten auf die Existenz eines Gottes.

 

Interviewer: „Die Existenz geht dem Wesen [, beziehungsweise der Essenz] voraus.“ Könnten Sie diese Aussage bitte weiter spezifizieren?

 

Sartre: Selbstverständlich. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass der Mensch nicht determiniert, also vorbestimmt, ist. Während Gegenstände, wie beispielsweise ein Brieföffner, schon vor ihrer eigentlichen Produktion eine Funktionsweise zugeschrieben bekommen, werden Menschen ohne eine spezielle Bestimmung in die Welt gesetzt.

 

Interviewer: Das heißt Gegenstände sollen einen gewissen Zweck oder Sinn erfüllen und müssen dafür über bestimmte Charakteristiken verfügen, bei ihnen geht die Essenz, das Wesen, der Existenz voraus. Beim Menschen ist dies aber umgekehrt?

 

Sartre: Ja, genau. Der Mensch existiert zunächst und erfindet sich dann selber. Er ist also nichts anderes als das, wozu er sich macht. Dies ist das erste Prinzip des Existentialismus.

Aufbauend auf dieser Definition lässt sich nun auch der Unterschied zwischen atheistischer und christlicher Anschauung erläutern. Die Existenz eines Schöpfer-Gottes hätte auf diese Annahme die Auswirkung, dass die Rolle des Menschen sich verändert. Gott wäre in diesem Fall als Schöpfer, also als Produzent zu betrachten, was den Menschen in die Rolle eines Produktes zwingt. Der Mensch kann hier also gleichgesetzt werden mit einem Gegenstand, der von Gott zunächst ein Wesen und eine Funktion verleiht bekommt, bevor er existent wird. Das Wesen geht also der Existenz voraus. Jedoch wird Gott hier eben als das Wesen betrachtet, dessen Existenz seiner Funktion vorausgeht. Er erfindet und schafft eigenständig und indeterminiert.

 

Interviewer: Sie selber sprechen dem Menschen also eine totale, uneingeschränkte Selbstbestimmung zu. Doch sind die Entscheidungen eines Menschen nicht auch in gewisser Weise durch seine Natur geleitet?

 

Sartre: Für den Menschen besteht stets die absolute Freiheit zur Entscheidung. Ohne eine Gottesexistenz ist der Mensch verlassen, gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen und daher dazu verurteilt, frei zu sein. Auch seine Leidenschaften und Bedürfnisse kann das Individuum selber lenken, indem es bestimmte Zeichen so entziffert, wie es ihm gefällt und gewissen Dingen eben nachgeht oder nicht. Das Resultat daraus ist eine totale Verantwortung, die jeder Mensch für sein Handeln und sein Dasein, also für seine gesamte Existenz, besitzt. Von dieser kann er sich nicht freisprechen, der Mensch ist also zu jeder Zeit im Besitz seiner selbst. Dies ist außerdem der Ursprung der Würde des Menschen. Nur durch die Eigenverantwortung wird der Mensch vollständig zum Subjekt und wird nicht durch äußere Einflüsse objektifiziert. Philo-GK: Existentialismus Hannah H.

 

Interviewer: In Ihrem Vortrag sprechen Sie außerdem über den Begriff des „Subjektivismus“. Welche Bedeutung hat dieser für Ihre Theorie?

 

Sartre: Der Subjektivismus bezeichnet die Wahl des individuellen Subjekts durch sich selbst. Zudem greift der Begriff einen zweiten Sinn auf. Mit jeder Entscheidung, die der Mensch trifft, erschafft er das Bild des Menschen, also gewissen Werte und Normen. Daraus resultiert der Gedanke, dass die beste Entscheidung für einen selber immer die objektiv beste Entscheidung für alle Menschen ist. Jeder Mensch erstellt also seine eigenen Werte und richtet seine Handlungen und Entscheidungen nach diesen aus. Damit entsteht eine Verantwortung für die gesamte Menschheit, denn mich wählend wähle ich also den Menschen und diese Wahl erfolgt komplett selbstbestimmt.

 

Interviewer: Das Wählen ist aber doch eine sehr individuelle Aktivität. Besteht dann überhaupt noch so etwas wie eine Universalität der Menschen, also allgemeingültige Werte?

 

Sartre: Es ist zwar nicht möglich, eine menschliche Natur zu definieren, jedoch gibt es eine menschliche Allgemeinheit der Bedingung. Es liegt zwar eine Variation der sozialen, zeitlichen Umstände vor, jedoch bleiben bestimmte Aspekte, wie die Notwendigkeit, in der Welt zu sein oder die Eigenschaft der Sterblichkeit immer bestehen. Es ist also eine gewisse Universalität gegeben, diese ist jedoch nicht feststehend, sondern im ständigen Wandel, da eben diese durch die Wahl eines Individuum immer neu gewählt wird. Es handelt sich hier also um eine relativistische Ansicht, da das kulturelle Ganze stets von der Wahl abhängig ist und nicht als allgemein und für jede Zeit gültig betrachtet wird.

 

Interviewer: Ein weiterer zentraler Aspekt scheint mir der der Angst zu sein. Sie behaupten, dass die Angst Teil des Handelns selbst ist und uns zunächst überhaupt dazu befähigt, Entscheidungen zu treffen. Doch wirkt Angst nicht eher als Blockade bei einer Entscheidungsfindung, beziehungsweise schränkt unsere Handlungsmöglichkeiten ein?

 

Sartre: Ich denke, dass die gemeinte Form der Angst nicht zum Quietismus, also zur Tatenlosigkeit führt, sondern vielmehr eine Konsequenz der übernommenen Verantwortung ist. Quietismus geht viel mehr aus dem Nutzen von Ausreden hervor. Menschen versuchen hierbei, die Geschehnisse auf andere Umstände zu schieben, um sich von der Verantwortung zu befreien und sich so vor Schuldgefühlen und Selbstzweifel zu schützen.

Die Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen, die mit negativen Konsequenzen verbunden ist, ist fundamental für die Entscheidungsfindung. Hätten wir keine Befürchtungen, so würden wir sehr viel weniger überlegte und fundierte Entscheidungen treffen. Die Angst ist also die Bedingung, ja sogar die Basis unseres Handelns.

 

Interviewer: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses aufschlussreiche Gespräch genommen haben.

 

Sartre: Gerne, es war ja schließlich meine freie Entscheidung 😉

Ich bedanke mich ebenfalls.

Thomas Koch

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