Fiktives Interview mit Thomas Nagel

Fiktives Interview mit Thomas Nagel

Im Rahmen der Philosophie-Unterrichtsreihe zum Thema „Verhältnis von Leib und Seele“ haben Hazal Benzer und Mina Acar (Q1) ein fiktives Interview mit dem Philosophen Thomas Nagel entworfen, in welchem dieser seine Theorie erläutert.

 

 

Hazal fiel. Eine gewaltige Schockwelle flutete ihren Körper. Doch das Letzte, das sie fühlte, war ihr Kopf, der hart auf dem steinigen Boden aufschlug. Der Schmerz durchfuhr sie wie ein Blitz. Und dann wurde alles schwarz. War sie tot? Warum spürte sie nichts mehr? Plötzlich erblickte Hazal einen hellen Schimmer in der Ferne. Dieser kam immer näher und wurde größer und größer, bis sich aus dem Schimmer die Gestalt eines Mannes formte. „Gott?“, fragte sie. Der Mann schmunzelte. „Nah dran, aber nein, ich bin Thomas Nagel. Freut mich dich kennenzulernen, Hazal“. „Sei ehrlich, bin ich tot?“, fragte sie beunruhigt. Er schüttelte den Kopf. „Nein, chill mal, alles gut. Liegst nur im Koma, kein Stress. „Ach, wenn’s weiter nichts ist“, dachte sie sarkastisch. „Hast du schonmal was von Empathie gehört?“ Nagel hob beschwichtigend die Hände. „Ich wollte dir doch nur helfen. Tut mir leid, wenn dich das jetzt beunruhigt hat. Da hätte ich ja selber drauf kommen können. Denn wie ich bereits 1987 sagte: Jeder empfindet die Dinge in seinem inneren Raum anders.“

 

„Innerer Raum? Was ist das?“ Thomas wirkte überrascht, als hätte er sich verhört. „Na, dein Inneres. Der Ort in jedem von uns, an dem wir auf Dinge reagieren und Emotionen und Wahrnehmungen entstehen. Hat euch das denn keiner beigebracht in der Schule?“ Er wirkte regelrecht empört. Doch Hazal glaubte nun, sich wirklich an so etwas zu erinnern. War das nicht Thema in Philosophie letztes Jahr gewesen? Sie grub weiter in ihrem Gehirn, das wahrscheinlich in der realen Welt zermatscht worden war. „Und diesen Ort kann keiner so wirklich erforschen, richtig?“ Thomas’ Miene hellte sich wieder auf. „Nun… ja so in der Art. Natürlich können die Prozesse zum Beispiel im Gehirn gemessen werden, sodass man sie erklären kann.

 

Nehmen wir also an, du beißt in einen Schokoladenriegel“ Ah, dieses Beispiel war Hazal nur allzu bekannt. „Während du also die Schokolade auf deiner Zunge zergehen lässt, senden deine Geschmackszellen Impulse durch deine Nerven zu deinem Gehirn. Und durch die physikalischen Reaktionen, die dort stattfinden, empfindest du den Geschmack von Schokolade.“ Hazal stutzte. „Aber das heißt doch, dass dieser Vorgang rein physisch ist. Man kann ihn also erforschen, erklären und verstehen. Doch kein Innerer Raum, was?“ Thomas sah aus, als hätte er gerade an einen Stromzaun gefasst. Fehlten eigentlich nur noch die abstehenden Haare, dachte Hazal. „Verstehen?!“, brachte der Mann mit zusammen gebissenen Zähnen hervor. „ Kein innerer Raum ?!“

Man, den konnte man aber leicht verärgern. Thomas holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „ Etwas erklären und etwas verstehen können sind zwei verschiedene Dinge, Fräulein. Wenn ich sage, dass die Schokolade süß schmeckt, kannst du dann genau den Geschmack, den ich wahrnehme, auch wahrnehmen? Fühlst du das, was ich fühle?“ Plötzlich fühlte Hazal sich ganz klein. War der Typ gewachsen? „ Nein“, antwortete sie und war selber überrascht, wie kräftig ihre Stimme klang. Thomas Nagel nickte. „Also merke dir: Du kannst vielleicht mit Wissenschaft die Prozesse im Körper erklären, aber die Wahrnehmungen anderer nie verstehen. Denn der Körper und die Seele sind zwei unterschiedliche Substanzen. Wir Menschen bestehen aus beiden, so sieht es der Dualismus.“ Okay, das hatte Hazal nun kapiert. „Und was ist dann die Seele?“ Mensch, das müsste sie doch eigentlich wissen. Hoffentlich wurde der Typ jetzt nicht gleich wieder wütend. Doch dies blieb Hazal zum Glück erspart. „Die Seele ist dein Bewusstsein“, erklärte Nagel, nun wieder mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Die Seele ist dein innerer Raum. Und das, was du empfindest und wahrnimmst, bleibt auch dort, verborgen vor allem und jedem.“ Hazal seufzte. „Also wird niemals irgendwer wirklich verstehen was in mir vorgeht, geschweige denn mein wahres Ich. Nur ich selber. Als würde eine Welt existieren, die nur von mir betreten werden kann.“ Thomas Nagel kicherte. „ Ich weiß, ist das nicht cool?“ Einsam vielleicht, aber cool? Überleg doch mal, Hazal. Es liegt also nur an dir, wie du diese eigene, kleine Welt gestaltest. Keiner kann sich einmischen, es gelten deine Regeln und nur du hast Kontrolle darüber.“ Er seufzte zufrieden. „Wenn du mich fragst klingt das nach Freiheit.“

Grelles Licht machte es Hazal schwer, ihre Umgebung wahrzunehmen. Laute aufgeregte Stimmen und schnelle Schritte waren zu hören. „ Hazal!“, erklang da die Stimme ihrer Mutter rechts von ihr. Nur mit Mühe konnte sie den Kopf zur Seite drehen, doch am Ende wurde sie mit dem Anblick ihrer Familie belohnt. „Willkommen zurück, Hazal“, sagte der Arzt dahinter. Nicht jeder wacht nach zwei Wochen aus einem Koma auf. Besonders nach solch einem Unfall. Herzlichen Glückwunsch.“

 

Was? Zwei Wochen? Ihr selber war es wie vielleicht eine halbe Stunde vorgekommen.

Nachdem ihre Mutter, ihr Vater und ihre Geschwister sie vorsichtig umarmt hatten und literweise Tränen geflossen waren, gingen alle bis auf ihren Vater auf die Suche nach einem Snackautomaten, um Hazal später auf den neusten Stand zu bringen. Während ihr Vater bereits damit anfing, bemerkte Hazal erstmals, dass der Fernseher angeschaltet war. Zuerst interessierte sie sich nicht sonderlich dafür. Doch plötzlich erblickte sie aus dem Augenwinkel eine vertraute Brille. Und da war er wirklich. Vom Bildschirm aus blickte ihr Thomas Nagel entgegen. Oder eher dem Interviewer, welcher ihm gerade die Frage stellte: „ Doch was ist dieser innere Raum, den Sie eben erwähnt hatten?“

 

Und nun glaubte Hazal fest daran, dass Thomas Nagel genau sie ansah.

Thomas Koch

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