Mario und der Psychologe

Mario und der Psychologe

VORWORT

Die folgende Szene ist frei erfunden und basiert auf der Handlung der Novelle “Mario und der Zauberer” von Thomas Mann.

In einer Zaubershow in dem kleinen Ort Torre di Venere verzaubert ein Künstler das gesamte Publikum und bringt es dazu, Dinge zu tun, die es normalerweise nie tun würde. Am Ende der Erzählung wird die Figur Mario auf die Bühne geholt und dazu gebracht, den Zauberer für Silvestra zu halten – ein Mädchen aus dem Ort, welches Mario liebt, aber zu dem er nie eine echte Beziehung aufbauen kann. Er küsst den Zauberer (beziehungsweise die Vorstellung von ihr). Doch als er erkennt, was er getan hat, schämt er sich, rennt von der Bühne und erschießt den Zauberer.

Die folgende Szene spielt just nach der Tat. Mario muss in therapeutische Behandlung, um festzustellen, ob er sich seiner Tat bewusst war, damit eine anstehende Strafe korrekt verhängt werden kann.

 

 

 

MARIO UND DER PSYCHOLOGE

Der Psychologe kommt rein.

 

P: Mario, was hat dich heute hierher verschlagen? Eigentlich treffen wir uns für deine Therapie, wegen deines starken Liebeskummers, immer donnerstags.

M: Deswegen bin ich auch nicht hier.

P: Das hab ich mir schon gedacht. Willst du über das reden, was gestern geschehen ist? Das Gericht hat mich bereits heute Morgen über den Vorfall informiert. Aber jetzt würde ich gerne erst einmal das Geschehen aus deiner Perspektive hören.

M: Ich werde zu Unrecht beschuldigt!

 

P: Ganz ruhig Mario, das wird sich alles klären. Fangen wir erst mal am Anfang an.

M: Weil die ganze Stadt nicht aufgehört hat, über diese Zaubershow zu sprechen und ich Angst hatte, etwas zu verpassen, habe ich mich doch überreden lassen mitzukommen.

P: Das klingt logisch, und wie ging es weiter?

M: Erst hat dieser Zauberer ewig auf sich warten lassen und als seine groteske Gestalt auf die Bühne trat, konnte ihn keiner ernst nehmen. Während der gesamten Vorstellung hat er sich immer wieder Zuschauer aus dem Publikum ausgesucht. Außerdem haben sie sich danach immer komisch verhalten.

P: Inwiefern komisch?

M: Ich weiß auch nicht. Sie haben sich einfach merkwürdig verhalten. Genau das, von dem sie behauptet haben, es nicht tun zu wollen, haben sie am Ende dann doch getan. Aber bestimmt nur aus Angst vor einem Schlag von Cipollas Reitpeitsche.

P: Ich verstehe noch nicht ganz, vielleicht kannst du mir ein Beispiel nennen?

M: Nachdem ein römischer Herrn ihn aufgefordert hatte, ihn zum Tanzen zu bringen, musste Cipolla seine Reitpeitsche mehrmals einsetzen und trotzdem hat er zunächst nur gezuckt. Das sah wirklich schmerzhaft aus. Um die Schmerzen loszuwerden, hat er sich am Ende dem Willen des Zauberers gebeugt und angefangen zu tanzen.

 

P: Also hast du nicht eingegriffen, obwohl du gesehen hast, dass ein anderer Mensch leidet?

M: Nein ich hatte Angst, dass er mich sonst als nächsten auswählt. Und ich als Einzelner hätte ja sowieso nichts machen können.

P: Aber so wie ich gehört habe, bist du dann doch drangekommen.

M: Ja, leider. Obwohl ich versucht habe, mich so gut wie möglich von dem Geschehen zu distanzieren und alles nur aus den hintersten Rängen zu verfolgen.

P: Wenn du solche Angst hattest, warum hast du den Saal nicht einfach vorzeitig verlassen?

M: Obwohl Ich mit dem Gedanken gespielt habe, war es wie ein Bann, der mich an die Vorstellung fesselte. Es war beängstigend und beeindruckend zugleich.

P: Ich verstehe…

M: Hätten Sie nicht genau so gehandelt?

P: Es geht jetzt nicht um mich, sondern um dich. Wie ging es denn weiter?

 

M: Meine schlimmsten Befürchtungen wurden war, als er mich zu sich auf die Bühne winkte.

P: Und wie hast du dich dabei gefühlt?

M: Natürlich hatte ich große Bedenken, dass er es herausfindet.

P:  Deinen großen Liebeskummer?

M: Ja. Ich wollte nicht, dass Cipolla darüber Bescheid weiß und mich vor dem gesamten Publikum bloßstellt.

P: Aber wie ich hörte, ist dies trotzdem geschehen .

M: Pezzo di merda! Dieses Schwein hat mich verarscht.

P: Beruhig dich Mario, wir können über alles reden. Kein Grund für solche Kraftausdrücke.

M: Schon Gut. Am Anfang war Cipolla, zu meiner Überraschung, sogar ganz nett. Er hat mich sogar vor diesem einen Zuschauer, der sich über mich lustig gemacht hat, verteidigt.

P: Aber das klingt doch ganz gut.

M: Nichts ist gut! Er hat einfach nur mit mir gespielt, um mein Vertrauen zu erlangen! Er hat mich vor versammelter Mannschaft vorgeführt!

P: Mario…

M: Ja, ich weiß. Wir haben immer weiter miteinander geredet und nachdem ihm der vorlaute Zuschauer gesagt hat, dass ich Liebeskummer habe und sie Silvestra heißt, hat er sich während unserer Konversation plötzlich in sie verwandelt.

 

P: Wie, er hat sich in sie verwandelt?

M: Naja verwandelt ist nicht ganz das richtige Wort. Er hat plötzlich so gesprochen und sich so wie sie verhalten. Aber das was danach passierte war noch merkwürdiger. Ich kann mich nicht mehr ganz daran erinnern.

P: Wie, du kannst dich nicht mehr daran erinnern?

M: Ich weiß nur noch, wie ich ihn geküsst habe, ohne jegliche Kontrolle über meinen Körper. Als ich wieder zu Verstand gekommen war, stürzte ich so schnell es ging von der Bühne. Ich konnte es nicht fassen, dass er mich so vorgeführt hat. Er hat mich vor allen lächerlich gemacht, sodass das Publikum in schallendes Gelächter ausgebrochen ist. Ich wollte einfach nur noch weg von diesem Ort. Doch noch bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich bereits meine Watte gezogen und feuerte zwei Schüsse in seine Richtung ab. Durch die plötzliche Stille des Publikums wusste ich, ich hatte ihn getroffen.

P: Und was hast du in diesem Moment gefühlt?

M: Ich war so unfassbar wütend. Ich hab einfach rot gesehen. Ich wollte mich an ihm für das rächen, was er mir angetan hatte.

 

P: Okay. Und was fühlst du jetzt? Bereust du, was du getan hast?

M: Ich bin erleichtert, dass er tot ist. Und ich bereue auch nicht, was ich getan habe. Er hat es nicht anders verdient. Er ist es selber Schuld. Ich habe vorher versucht, vom Podium zu gehen, aber er hat mich nicht gelassen. Hätte er, wäre es niemals soweit gekommen. Er hätte mich nicht auf die Bühne rufen sollen. Er hätte sich nicht in mein Leben einmischen sollen. Er hätte mich nicht vorführen dürfen und erst recht hätte er mich nicht küssen sollen. Ich hasse diesen Möchtegern Zauberer.  Ich bin unschuldig! Dieser stronzo ist alles schuld! Den hätten sie verhören sollen, aber das geht ja zum Glück nicht mehr!

 

P: Danke Mario, das war es dann für heute. Ich werde jetzt mein Gutachten verfassen. Du kannst jetzt nach Hause gehen.

M: Okay, bis Donnerstag.

P: (leise) Ich denke eher nicht.

M: Haben Sie noch was gesagt?

P: Nein nein, bis Donnerstag.

 

Mario verlässt den Raum. Lauscht allerdings an der Tür.

 

P: Der Angeklagte zeigt keine Reue und empfindet seine Handlung nicht als unmoralisch. Er sieht die Schuld nicht bei sich, sondern beim Opfer, und denkt, seine Tat war gerechtfertigt. Aus meiner fachlichen Sicht erkläre ich den Angeklagten als vollwertig zurechnungsfähig, da er zur Tatzeit bei vollem Bewusstsein war. Demnach sollen seine Handlungen gemäß dem Gesetz bestraft werden. Während er seine Haftstrafe absitzt, soll er jedoch weitere professionelle Hilfe beanspruchen können, um seine Therapie fortzuführen.

 

Mario platzt rein.

 

M: WAS?! Ich habe nichts Unrechtes getan, ich weigere mich, dafür ins Gefängnis zu gehen.

 

Mario zieht seine Waffe und erschießt den Psychologen.

 

M: Vai al diavolo.

 

Autoren: Luna und Emma (Q2)

Emma Pollozek

Related Posts

Sigmund Freud – Gedichte

Sigmund Freud – Gedichte

Woyzeck – Kurzfilm

Woyzeck – Kurzfilm

Auf der Suche nach dem Glück – Kurzgeschichte

Auf der Suche nach dem Glück – Kurzgeschichte

Alles wird gut – Kurzgeschichte

Alles wird gut – Kurzgeschichte

No Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Letzter Podcast

Letzte Beiträge