Der Wirecard-Skandal und die Nullzinspolitik

Der Wirecard-Skandal und die Nullzinspolitik

Der Wirecard-Skandal und die Nullzinspolitik

In dem folgenden Artikel möchte ich beschreiben, in welchem Umfang die Geldpolitik der EZB und die Fiskalpolitik der Bundesregierung den Wirecard-Skandal mit begünstigt haben. Ferner möchte ich ausführen, inwieweit ein realer Nullzins den Konsum der Bevölkerung ungünstig beeinflusst. Des weiteren werde ich thematisieren, dass der Nullzins nicht nur die jetzige wirtschaftliche Realität beeinflusst, sondern insbesondere auch den Generationenvertrag in Frage stellt. Zunächst einmal möchte ich die Geschehnisse zusammenfassen und die Auswirkungen auf jeden Bürger darstellen.

Die Wirecard AG mit Sitz in Aschheim bei München war ein börsennotiertes und global agierendes Technologie- und Finanzdienstleistungsunternehmen. Dieses wurde im Jahr 1999 im Zuge des Dotcom-Hypes gegründet und wollte vom damaligen Erfolg der Internetkonzerne mit profitieren. Gut ein Jahr nach dem Börsengang von Wirecard im Jahr 2005 stieg die Wirecard AG im Jahr 2006 in den TecDax auf (Quelle 1). Im Jahr 2018 hatte die Wirecard AG eine Marktkapitalisierung von rund 21,3 Milliarden Euro (August 2018) erreicht, zum Vergleich besitzt SAP (größtes Unternehmen im Leitindex Dax ) 2021 eine Marktkapitalisierung von rund 133,61 Milliarden Euro (Quelle 2). Ab September 2018 verfügte Wirecard über einen Platz im Deutschen Leitindex Dax. Zum Verständnis der Gesamtproblematik muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass es bereits früh, das heißt im Jahr 2008, Hinweise auf eine defizitäre finanzielle Situation von Wirecard gab. Später, in den Jahren 2015 und 2019, erschienen diesbezüglich sogar ausführliche Artikel in der FT (Financial Times). Ein ehemaliger Wirecard Manager spielte dem Handelsblatt Informationen darüber zu, dass die Wirecard AG schon im Jahr 2008 ihre Bilanzen durch massive Eingriffe in die Buchhaltung frisiert hatte (Quelle 4). Bemerkenswert, und in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartig, ist das zeitweilige Verbot von Leerverkäufen (Short Selling) auf Aktien der Wirecard AG durch die BaFin (Quelle 5). Ferner beließ es die BaFin aber nicht nur bei einem Verbot von Leerverkäufen, sondern ermittelte gegen die FT im Zuge der fallenden Aktienkurse von Wirecard im Jahr 2019 (Quelle 5). Es stellt sich nun die Frage, inwiefern der Wirecard-Skandal mit der Geldpolitik der EZB und der Fiskalpolitik der Bundesregierung zu tun hat. Aus diesem Grund möchte ich nun zunächst einmal auf die Nullzinspolitik eingehen und einen ursächlichen Zusammenhang zum Wirecard-Skandal darstellen. 

Die Begriffe Nullzins bzw. Negativzins tauchen oft in den Medien auf und werden inhaltlich vermischt. Der Begriff Nullzins bezieht sich auf den von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgelegten Leitzins, der aktuell bei 0% liegt (Quelle 11, 12). Ferner liegt der Zinssatz, für den Banken ihr Geld bei der Zentralbank “parken” können in diesem Fall bei -0,5% (Quelle 12). Das heißt in der Praxis, dass wenn eine Bank ihr Geld sozusagen “im sicheren Hafen” (bei der Zentralbank) “parken” möchte, muss diese Bank einen negativen Zins von – 0,5% an die EZB zahlen. Der sogenannte “Negativzins” beschreibt den negativen Zinssatz, den ein Privatkunde an die Bank entrichten muss, für eine Bargeld-Sparanlage. Im Regelfall, verlangen Banken erst einen Negativzins bei Einlagen von über 100.000€. Es muss bedacht werden, dass die Bank für “geparktes Geld” bei der Zentralbank nicht nur einen negativen Zins an die Zentralbank entrichten muss, dazu kommt auch noch der interne Verwaltungsaufwand, den die Bank selber tragen muss. Der gewünschte Effekt ist letztendlich, dass es für Privatkunden wie Unternehmenskunden sehr unattraktiv ist, ihr Geld einfach nur bei der Bank zu “parken”. Die Fiskalpolitik des Bundes und die Geldpolitik der EZB (Die Fiskalpolitik/Wirtschachtspolitk darf ausdrücklich nicht mit der Geldpolitik verwechselt werden) streben an, dass Unternehmen, als auch Privatpersonen ihr Geld nicht “horten” und am Ende noch für dieses Verhalten belohnt werden. Vielmehr beabsichtigt die EZB, dass Unternehmen und Privatpersonen ihre Liquidität nicht erhöhen sollen, vielmehr soll Geld investiert werden, oder es sollen sogar Schulden gemacht werden. Ziel ist es, nicht nur die Bereitschaft für Investitionen zu erhöhen, sondern auch es hochverschuldeten Staaten, wie Italien (ca. 160% BIPs), einfacher zu machen zu günstigen Zinsen ihre immensen Schulden zu finanzieren (Quelle 6, 7, 11). Kritiker mahnen allerdings an, dass das letztlich nur dazu führt, dass Bürger wie Institutionen in der Illusion verharren, dass ihre Wirtschafts- und Fiskalpolitik nachhaltig ist (Quelle 8). Fachleute weisen schon lange darauf hin, dass Negativzinsen nur dazu führen werden, dass es immer schwieriger werden wird Risikokapital für notwendige Investitionen/Innovationen zu gewinnen (Quelle 6). Nun möchte ich mich im Weiteren dem eigentlichen Thema widmen und darstellen, wie der Wirecard-Skandal mit der Nullzins-Politik zusammenhängt. Wie es schon anklang, bringen die jetzige Geldpolitik, als auch die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung einige Probleme mit sich. Offensichtlich ist, dass Sparer die Verlierer sind durch eine steigende Inflation von ca. 1,4% 2020 und damit einem realen Kapitalverlust bei vorliegendem Nullzins (Quelle 14).

Nun nähern wir uns dem Zusammenhang von Nullzins-Politik und dem WirecardSkandal. Sowohl Privatpersonen wie auch Institutionelle-Investoren möchten hingegen ihr Kapital zumindestens halten, bzw. einen Gewinn erwirtschaften. Insbesondere Institutionelle-Anleger streben allerdings eine möglichst hohe Rendite an. Letztlich ist auf den internationalen, global vernetzen Kapitalmärkten immer mehr Kapital vorhanden, auf der Suche nach einer möglichst profitablen Rendite. Durch das große Angebot an freiem Kapital bei gleichzeitig sinkenden Profit-Margen werden immer größere Risiken von professionellen Investoren, wie Banken, oder Hedgefonds, eingegangen, um Profit-Margen zu halten (Quelle 6). Dieses hat letztlich dazu geführt, dass Wirecard als defizitäres Unternehmen und sehr risikoreichem Investment dennoch eine Kreditlinie in Höhe von 1,85 Milliarden Euro zugestanden wurde (Quelle 16, 20). Selbst die staatliche Förderbank KFW trat hier als einer der größten Gläubiger, von insgesamt 15 Gläubigern, auf (Quelle 16, 20, 19). Im Vergleich zu Europa sollte hier auch auf den US-amerikanischen Kapitalmarkt geschaut werden, wo erst inmitten der Corona-Krise der Zinssatz der US-Notenbank FED (Federal Reserve System) auf 0% gesenkt wurde (Quelle 9, 21). In der Zeit vor der Corona-Krise blieb der Zinssatz der FED in den USA durchweg, im Gegensatz zu Europa, bei über 1% (Quelle 21).

Fazit

Meiner Ansicht nach ist die Europäische-, insbesondere auch die Deutsche-, Wirtschafts- und Finanzpolitik in eine Sackgasse geraten und hat den Wirecard-Skandal erst möglich gemacht, bzw. zumindest den Weg geebnet. Die aktuelle Wirtschaftspolitik, Fiskalpolitik und Geldpolitik hat letztlich dazu geführt, dass Banken und institutionelle Anleger immer höhere Risiken eingehen, bzw. eingehen müssen, um ihre Renditen zu halten, auf der anderen Seite wurden insbesondere südeuropäischen Staaten mit immer höheren wirtschaftlichen Problemen geradezu ermutigt, notwendige wirtschaftliche Reformen aufzuschieben und mit “billigem Geld” Altschulden zu bedienen und neue Schulden aufzunehmen, um soziale Standards aufrechtzuerhalten. Notwendige Reformen werden so lediglich nur verschoben auf Kosten zukünftiger Generationen und der Generationenvertrag an sich wird letztlich so immer mehr in Frage gestellt. 

Meine Quellen

  1. https://www.handelsblatt.com/themen/wirecard

  2. https://www.google.com/search?newwindow=1&client=firefox-b-d&ei=PnApYKypF8mCjLsP1NeG-Ak&q=marktkapitalisierung+sap&oq=Mark&gs_lcp=Cgdnd3Mtd2l6EAMYADIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzIECAAQQzoHCAAQsAMQQzoHCAAQRxCwA1Dv4AFYk-MBYMLwAWgDcAJ4AIABzQGIAYEGkgEFMC40LjGYAQCgAQGqAQdnd3Mtd2l6yAEKwAEB&sclient=gws-wiz

  3. https://www.ft.com/content/19c6be2a-ee67-11e9-bfa4-b25f11f42901

  4. https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wirecard-betrug-begann-wohl-frueher-als-bekannt-manager-wies-vorstand-schon-2008-auf-frisierte-bilanzen-hin/26042994.html

  5. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/wirecard-shortseller-101.html

  6. https://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/geld-ausgeben/nullzins-eine-welt-ohne-zinsen-14146386.html

  7. https://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzmarkt/im-zeitalter-der-nullzinsen-ist-der-risikolose-zins-geschicht-16459165.html

  8. https://research.handelsblatt.com/assets/uploads/files/chefoekonom/Newsletter%20PDFs/Ausgabe%20030715%20Analyse.pdf

  9. https://www.faz.net/aktuell/finanzen/amerikanische-notenbank-fed-signalisiert-nullzins-bis-ende-2022-16810115.html

  10. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/faq-wirecard-101.html

  11. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/der-streit-um-die-nullzinsen-16477136.html

  12. https://www.bundesbank.de/resource/blob/607806/748a00c321dfc60023876956b192767d/mL/s510ttezbzins-data.pdf

  13. https://www.welt.de/wirtschaft/article210056661/Wirecard-Alle-haben-versagt-und-den-Standort-Deutschland-blamiert.html

  14. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/corona-daempft-preisanstieg-101.html

  15. https://www.businessinsider.de/wirtschaft/finanzen/top-banker-haben-wirecard-geschaeftsmodell-nicht-verstanden-und-trotzdem-hundert-millionen-euro-kredite-vergeben/

  16. https://www.manager-magazin.de/fotostrecke/wirecard-die-groessten-glaeubiger-der-kreditlinie-fotostrecke-172710.html

  17. https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/wirecard-milliarden-versteckspiel-101.html

  18. https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/zahlungsdienstleister-wirecard-ag-meldet-insolvenz-an-bank-ausgenommen/25948872.html

  19. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/skandal-um-zahlungsabwickler-banken-von-wirecard-insolvenz-kalt-erwischt-16832090.html

  20. https://www.wiwo.de/unternehmen/banken/banken-drohen-milliardenausfaelle-wirecard-skandal-kfw-drohen-verluste-von-100-millionen-euro/25958454.html

  21. https://www.finanzen.net/zinsen/leitzins

  22. Alle Bilder sind von pixabay.com

  23. https://de.statista.com/infografik/4649/entwicklung-der-leitzinsen/

Ruben Sommer

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1 Comment

  1. Klasse Artikel!

    Sehr gut recherchiert und eine sehr genaue Analyse der aktuellen Situation.
    Immer wieder faszinierend zu sehen, wenn sich junge Menschen für die Zukunft interessieren. Ich interessiere mich ebenfalls sehr für die Thematik und kann echt sagen, dass dieser Artikel mehr Schülern zur Verfügung gestellt werden sollte.
    Beim nächsten Artikel kannst du ja mal auf die Chancen der Nullzinspolitik eingehen.
    Mach weiter so!

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